An Älteren wird häufig "vorbei" entwickelt

christine weissPetra Klug

Senior Project Manager im Programm „LebensWerte Kommune“ der Bertelsmann Stiftung

Die Bertelsmann Stiftung hat im Sommer 2019 die Studie „Digital souverän? Kompetenzen für ein selbstbestimmtes Leben im Alter“ vorgestellt. Was war die Motivation für diese Studie?

Die Gruppe der älteren Menschen wird seit Jahren immer größer. Und die meisten von ihnen möchten in ihrem eigenen Zuhause alt werden. Doch dabei ist oftmals Unterstützung notwendig, die nicht immer durch die Familie, Freunde oder Nachbarn gewährleistet werden kann. Dazu kommt, dass die „analoge Eisscholle“ immer kleiner wird, d.h. immer mehr Dienstleistungen werden abgebaut, gerade auch in ländlichen Regionen. Es gibt inzwischen viele digitale Anwendungen, die gerade das Leben der Älteren erleichtern können – vorausgesetzt, sie sind in der Lage, sie souverän zu nutzen.

Oftmals wird Älteren unterstellt, sie wären „zu alt“ für die Digitalisierung, wie stehen Sie zu dieser Aussage?

Niemand ist zu alt, etwas Neues zu lernen. Es gibt genügend Initiativen, die zeigen, mit wie viel Spaß und Engagement ältere Menschen sich auf Smartphone, Tablet und Co. einlassen. Und auch die Jüngeren sollten sich nicht darauf verlassen, dass einmal Gelerntes für den Rest ihres Lebens ausreicht. Lebenslang zu lernen, neugierig zu bleiben und etwas auszuprobieren sind wichtige Kompetenzen, gerade im Kontext der Digitalisierung. Das sogenannte Bedienwissen veraltet immer schneller. Gefragt sind Orientierungs- und Gestaltungskompetenzen – und das gilt für Jung und Alt gleichermaßen.

Ihre Studie zeigt, dass internetferne Milieus stärker bei älteren Menschen zu finden sind. Was sind die Ursachen hierfür und was muss die Gesellschaft tun, damit sich dies spürbar ändert.

Vielen älteren Menschen fehlen digitale Erfahrungen und Kompetenzen. Sie hatten in ihrem Berufs- und Alltagsleben bisher wenig Berührungspunkte und müssen nun feststellen, dass sich viele Services und Dienstleistungen verändern zugunsten von Online-Angeboten. Wichtig ist auf jeden Fall Ängste abzubauen und die Vorteile an konkreten Beispielen deutlich zu machen, wie Skypen mit den Enkeln, Onlinebanking oder Informationen im Netz zu suchen. Schulungsangebote müssen nicht nur sehr niedrigschwellig angeboten werden, sondern auch mit viel Empathie und auf Augenhöhe.

Viele Geschäftsmodelle basieren heute auf digitalen Lösungen. Was müssen Unternehmen oder Unternehmensgründer tun, damit auch Ältere digitale Angebote besser annehmen?

Sie müssen vor allem die Älteren von Beginn an bei der Entwicklung ihrer digitalen Services einbeziehen. Es ist schon erstaunlich, wie häufig an dieser wichtigen Zielgruppe „vorbei“ entwickelt wird. Dazu erfordern die Lebenserfahrungen und -umstände der älteren Generationen eine andere Ansprache.

Digitalisierung hält in alle Bereiche des täglichen Lebens Einzug. Wo sehen Sie den größten Nutzen für die älteren Menschen in Deutschland?

Wie wir kommunizieren und uns informieren hat sich bereits heute gravierend verändert. Weitere Anwendungsbereiche gibt es bereits teilweise in der Gesundheitsversorgung, bei behördlichen Angelegenheiten, beim Einkauf und Bestellen von Produkten und Dienstleistungen, bei der Mobilität, im Bereich Finanzen und Unterhaltung. Und in der nahen Zukunft werden diese Bereiche sicher noch deutlich stärker durch den Einsatz digitaler Technologie bestimmt werden.

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